Tausend Stufen, ein Bad
Yunomine Onsen und der Kumano Kodo, Wakayama
Wer sich für den Kumano Kodo entscheidet, nimmt in Kauf, tausend Stufen zu steigen — dafür führen sie durch beeindruckende Natur und dichte, uralte Zedernwälder. Treppen, die kein Ende zu haben scheinen, den Berg hinauf, immer wieder, bis die Beine irgendwann aufhören zu zählen. Es ist, wie ein Wanderer es beschrieb, die Aussicht auf eine tiefe Verbindung zu Japans religiöser und kultureller Geschichte, zu atemberaubenden Landschaften und einer Herausforderung, der man sich bewusst stellt.
Am Ende eines solchen Tages liegt ein winziges Tal. Yunomine Onsen empfängt seine Gäste auf traditionelle, einfache Art und Weise — mit Dampf, der zwischen den Holzhäusern aufsteigt, und mit der Aussicht auf ein heisses Bad, das bekannt ist für sein besonders heilsames Wasser und seit Jahrhunderten genau diesem Zweck dient: müde Körper zu entspannen. Zusammen mit einer köstlichen japanischen Küche wird der Abend zum eigentlichen Highlight nach einer langen Wanderung.
Was das ist
Der Kumano Kodo ist ein über tausend Jahre altes Netz von Pilgerpfaden auf der Kii-Halbinsel, das zu den drei grossen Kumano-Schreinen führt. Seit 2004 UNESCO-Weltkulturerbe — einer von nur zwei Pilgerwegen weltweit mit diesem Status, offiziell als Schwesterroute mit dem Jakobsweg verbunden.
Mitten im Wegnetz liegt Yunomine Onsen, eine der ältesten Thermen Japans, vor rund 1.800 Jahren entdeckt. Der Legende nach heilte hier einst der schwerkranke Fürst Oguri Hangan im heissen Quellwasser — eine Geschichte, die bis heute in Kabuki-Stücken weiterlebt. Herzstück des Dorfes ist Tsuboyu, ein kleines Holzbecken direkt am Fluss, dessen Wasser der Überlieferung nach im Tagesverlauf bis zu siebenmal die Farbe wechselt. Es ist die einzige Therme der Welt, die selbst als UNESCO-Welterbe gilt — und man darf tatsächlich hinein.
Ein Onsen ist eine heisse, natürliche Quelle vulkanischen Ursprungs — das Baden darin, meist gemeinschaftlich und oft unter freiem Himmel, gehört seit Jahrhunderten zum japanischen Alltag und ist weit mehr als reine Körperpflege: ein fester Bestandteil von Erholung, Geselligkeit und Ritual.
Was man dort erlebt
Der eigentliche Moment der Ankunft ist nicht das Zimmer, sondern das Bad danach. Im Ryokan Adumaya gibt es fünf verschiedene Onsen — zwei innen, zwei aussen, dazu ein privates. Wer zum ersten Mal in einem hölzernen Becken sitzt statt in Stein oder Fliesen, spürt sofort den Unterschied: das leicht Glitschige des dauerfeuchten, glänzenden Holzes, ein Material, das mit den Jahren mitgealtert ist.
Das hölzerne Innenbecken bei Adumaya — © Kal, Kulture Kween
Danach kommt das Essen, serviert im eigenen Zimmer, in vielen kleinen Wellen. Ein Kaiseki-Menü bringt die Saison auf den Tisch, Gang für Gang: rohe Fischscheiben, gegrillter Aal auf Reis, eingelegter Konjak, dazwischen ein Ayu-Fisch vom Grill, dessen Aroma noch lange nachhallt. Man weiss oft nicht genau, was einem da serviert wird — bunt, unbekannt, manchmal ohne ein gemeinsames Wort Sprache zwischen Gast und Gastgeberin —, und genau das macht den Abend so besonders. Geschlafen wird später auf einem Futon direkt auf dem Tatami, kein Bett, hart im Vergleich zu dem, was man aus Europa gewohnt ist. Aber genau das ist das echte Japan.
Onsen-Ei und Soba, sowie das japanische Frühstück am nächsten Morgen — © Kal, Kulture Kween
Am nächsten Morgen, vor dem Weiterziehen, führt der Weg noch einmal zurück ans Wasser: zu Tsuboyu, dem öffentlichen Welterbe-Bad, und zur Kochstelle Yuzutsu gleich daneben, wo man sich selbst Eier und Süsskartoffeln im kochenden Quellwasser kochen kann — eine der wenigen Küchen der Welt, die keine Flamme braucht. Wer will, holt sich davor noch einen Tempelstempel am Toko-ji, dem Heilbuddha Yakushi Nyorai gewidmet, wo bis heute Menschen gegen Kopfschmerzen beten.
Der Toko-ji-Tempel in Yunomine — © Kal, Kulture Kween
Was in Yunomine passiert, ist dabei kein Einzelfall, sondern die Regel entlang des ganzen Kumano Kodo: Fast jede Unterkunft unterwegs ist ein kleines, familiengeführtes Haus mit eigenem Onsen, hausgemachtem statt standardisiertem Essen. Die Auswahl an Restaurants in den Dörfern ist so gering — oft nur ein einziger Laden —, dass das Abendessen im Ryokan über weite Strecken die einzige richtige Mahlzeit des Tages bleibt. Genau darin liegt die eigentliche Magie: Man kommt komplett erschöpft an, und ganz ohne eigenes Zutun steht plötzlich ein mehrgängiges Menü auf dem Tisch. Es sind, wie ein Wanderer es beschrieb, die schönen Landschaften, die verschwitzten Anstiege und die insektenreichen Wälder, die sich am Ende alle auszahlen — der Rückblick auf den Tag bei einem köstlichen traditionellen Essen oder beim Entspannen im Onsen zeigt, warum der Kumano Kodo für so viele Menschen zu einer prägenden Erfahrung geworden ist.
Was der Weg mit einem macht, zeigt sich selten in grossen, dramatischen Momenten. Es sind die leisen Dinge: das Rauschen von fliessendem Wasser, die Wärme eines Onsen nach einem langen Tag, das Lächeln eines Gastgebers, der einen nicht kennt und trotzdem willkommen heisst. Die Einsicht, dass Einfachheit reicht, um glücklich zu sein. Einem bleiben noch Jahre später die Bergbäche, der Regen, der Tau und die sanften Winde in Erinnerung — zusammen mit einer Art Ehrfurcht, für die es im Alltag sonst keinen Platz gibt. Der Pfad selbst ist technisch nicht schwierig, aber er fordert genug, um daran zu wachsen — manche nennen es geradezu eine Prüfung, die einen am Ende verändert zurücklässt.
"I prefer diving deeper into a place and finding the hidden, or at least not so obvious, gems for tourism."
— RILEY SABO, WANDERER
Ein Wanderer, der die gesamte Strecke von Kii-Tanabe bis Kii-Katsura in fünf Tagen zurücklegte — knapp 65 Kilometer, über 3.000 Höhenmeter —, beschreibt es so: Es sei nie ein einzelner "Wow"-Moment gewesen, sondern ein allmähliches Anwachsen eines Gefühls, das sich erst am Nachi-Wasserfall und beim grossen Nachi-Schrein am Ende der Reise vollständig entlud. Beim frühmorgendlichen Aufbruch, tief hinein in die Berge, fragte er sich unweigerlich: "What was it like for the countless people of the past to walk this same path over the course of a thousand years, and how many footsteps passed here before me?"
Der Nachi-Wasserfall, Ziel der fünftägigen Route — © Riley Sabo
Torii-Tor im Reisfeld und unterwegs im Zedernwald — © Riley Sabo
Die Menschen dahinter
Adumaya wurde in der Edo-Zeit von einem Mann gegründet, der sein Amt als Shinto-Priester aufgab, um stattdessen ein Dach über müde Köpfe zu bringen — ein ungewöhnlicher Berufswechsel, der bis heute nachwirkt. Das Haus ist seither in derselben Familie geblieben, durch all die Generationen, in denen sich rundherum vieles verändert hat.
Was bleibt, ist eine Gastfreundschaft, die sich nicht antrainiert anfühlt: nasse, erschöpfte Fremde werden empfangen, als wären sie schon lange erwartet worden. Und weil das Dorf so klein ist — eine einzige Strasse, ein Fluss, eine Handvoll Häuser —, kreuzen sich die Wege ständig. Man geht diesen Weg nie wirklich allein, sondern in loser Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, denen man morgens im Nebel begegnet und abends auf derselben Treppe wieder über den Weg läuft.
Für wen ist das
Für alle, die bereit sind, durchnässt und erschöpft anzukommen, bevor sie verstehen, wofür sich der Weg gelohnt hat — genauso wie für alle, die bewusst mit dem Auto anreisen, um einfach zur Ruhe zu kommen und in einer heissen Quelle zu versinken, ohne einen einzigen Schritt Wanderweg. Beide gehören hierher. Nicht für einen Wellness-Kurztrip, der austauschbar wäre — sondern für alle, die genau in der Unvollkommenheit des Ankommens etwas Echtes erkennen.
"The Kumano Kodo is a perfect experience for those looking to immerse themselves in the real and authentic Japan. It brings spirituality, people, history, great food, and challenging hiking all together for a truly once in a lifetime experience."
— RILEY SABO, WANDERER
Touren & Aktivitäten
Der Dainichi-goe-Pfad zwischen Kumano Hongu Taisha und Yunomine, das Hauptschrein-Areal mit dem gewaltigen Torii von Oyunohara, die Nachbarthermen Kawayu und Watarase, sowie eine Bootsfahrt auf dem Kumano-Fluss für alle, die weiterziehen. Wer die volle Strecke wagt: die fünftägige Route von Kii-Tanabe über Takahara, Chikatsuyu und Hongū bis nach Koguchi und Nachi endet am Nachi-Wasserfall und dem Nachi-Grossschrein — für viele der eigentliche emotionale Höhepunkt der ganzen Pilgerreise.
Praktische Infos
Beste Reisezeit
Ganzjährig dank der Therme, besonders stimmungsvoll im Nebel von Frühling und Herbst.
Anreise
Kein Bahnanschluss. Bus ab Bahnhof Kii-Tanabe (ca. 2 Std.) oder zu Fuss über den Dainichi-goe-Pfad ab Kumano Hongu Taisha (knapp 2 Std.).
Kosten
Ryokan Adumaya ca. 26.400–50.600 Yen (≈ 165–320 USD) für zwei Personen inkl. Halbpension. Tsuboyu-Eintritt ca. 770 Yen (≈ 5 USD).
Buchung
Direkt über die Ryokan-Website oder Portale wie Rakuten Travel und kumano-travel.com. Für die mehrtägige Wanderung organisiert Oku Japan Unterkunft, Gepäcktransfer zwischen den Ryokan und Streckentickets.
Ich wollte schon lange einmal einen Pilgerweg gehen, und der Kumano Kodo hat mich sofort gepackt — weil die Natur hier so anders ist als alles, was ich aus Europa kenne. Dichte, satt-grüne Zedernwälder, uralte Steinstufen, der Duft von Zedernholz im Regen, das Plätschern von Wasser im Hintergrund: eine Wanderung, um Schritt für Schritt zu sich selbst zu finden. Am meisten fasziniert mich, dass man fast jeden Abend in einem familiengeführten kleinen Onsen-Haus ankommt, ganz ohne zu wissen, was einem serviert wird — bunt, unbekannt, manchmal ohne ein gemeinsames Wort Sprache, und genau das macht es so besonders. Kein Bett, nur ein Futon auf Tatami: hart im Vergleich zu dem, was wir gewohnt sind, aber genau das ist das echte Japan.
— Die Kuratorin