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Wander Wonders · Ausgabe 03 · Taiwan

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Smangus, Taiwan

Man findet Smangus nicht, weil man danach sucht. Man findet es, weil jemand irgendwann eine Karte aufklappt, tief in den Bergen von Hsinchu einen Punkt entdeckt und beschließt: dahin.

So beschreibt es eine Reisende, die den Weg auf dem Roller zurücklegte, von Taipeh aus, ohne große Erwartungen.

We found Smangus on Google Maps and we just took some days off to visit it. The whole way there was just magical.

CAROL MURPI, REISENDE

Der Ort

Smangus liegt auf 1'500 Metern Höhe im Jianshi-Township, Landkreis Hsinchu, im bewaldeten Norden Taiwans. Der Überlieferung nach gründete vor rund 400 Jahren ein Anführer namens Mangus das Dorf, als er eine Gruppe der Atayal über den heiligen Berg Tapachien führte. Jahrhundertelang blieb es von der Außenwelt fast vollständig abgeschnitten: Strom kam erst 1979, eine durchgehende Straße erst 1995 — bis dahin galt es als das isolierteste Dorf Taiwans, von Außenstehenden einst das „Dunkle Dorf" genannt.

1991 träumte der Überlieferung nach ein Dorfältester von den Ahnen, die von heiligen Bäumen östlich des Dorfes erzählten. Daraufhin zogen alle erwachsenen Dorfbewohner in Gruppen los, um gezielt danach zu suchen — von früh morgens bis Sonnenuntergang. Der Hain lag 5 Kilometer entfernt, über einen beschwerlichen, zweieinhalbstündigen Bergpfad — kein Ort, an dem man zufällig vorbeikam. Was die Suchenden fanden, waren jahrtausendealte Rotzedern, manche über 2'000 Jahre alt, die höchsten fast 45 Meter hoch. Die Nachricht verbreitete sich schnell, und aus dem abgelegenen Bauerndorf wurde ein Ziel für Wanderer.

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Baum Nr. 8, „Qparung mhway" — rund 1'500 Jahre alt, 40 Meter hoch. © Carol Murpi

Jeder der großen Bäume trägt einen eigenen Atayal-Namen. Dieser hier heißt „Qparung mhway" — „q-pa-rung" ist das Atayal-Wort für Zeder, „m-hway" bedeutet so viel wie Dankbarkeit und Sanftheit. Am Fuße des Baums erzählt ein Ältester auf einer Infotafel, wie sein Großvater ihn einst hierherbrachte und ihn bat, genau hinzusehen: wie sich die Zweige im Wind wiegen, so weich, so gelassen. Daher der Name — und die Bitte, die Geschichte an die eigenen Enkel weiterzugeben.

Der plötzliche Tourismus brachte aber auch Streit: Nachbarn begannen, um Gäste zu konkurrieren. Der Stammesrat entschied sich für einen ungewöhnlichen Ausweg — das Dorf sollte fortan als Genossenschaft geführt werden, „Tnunan Smangus" genannt. Inspiriert sowohl von der urchristlichen Gütergemeinschaft der Apostelgeschichte als auch vom israelischen Kibbutz-Modell, das eine Dorfdelegation eigens besichtigte. Bis heute teilen rund 80 Prozent der knapp 200 Einwohner Arbeit und Einkommen zu gleichen Teilen. Die Aufgaben — Zimmerservice, Küche, Empfang, Feldarbeit, Führungen — werden nach Fähigkeiten und Interessen zugeteilt, organisiert über neun Abteilungen des Stammesrats, von Tourismus bis Ressourcenschutz. Dazu kommen gemeinschaftlich finanzierte Zuschüsse für Gesundheit und Bildung.

Was man dort erlebt

Wer über Nacht bleibt, wohnt in einem der dorfeigenen Gästehäuser, isst im Gemeinschaftsrestaurant und bekommt nebenbei mit, wie ein Dorf funktioniert, das sich alles teilt. „It was fascinating to see how the restaurant works, the bakery and the reception," erzählt dieselbe Besucherin. Sie aß im Restaurant, probierte die Backwaren der dorfeigenen Bäckerei und ließ sich einen Hot Pot servieren — „the food was great and the service excellent."

Gegessen wird meist im Gemeinschaftssaal, Buffet-Stil: Draußen grillen Männer große Fleischstücke über offenem Feuer, drinnen bereiten andere Dorfbewohner den Rest zu. Wer möchte, isst stattdessen im kleinen Café mit eigener Speisekarte. Vor dem Dorfladen steht eine große, aus Holz geschnitzte Bärenfigur — ein beliebter Fotospot, passend zum durchgehend hölzernen Baustil des Dorfs, von Laternenpfählen bis zu den Möbeln. Der Rhythmus des Dorfes richtet sich dabei klar nach der Gemeinschaft selbst, nicht nach den Gästen: Ein Besucher berichtet, wie er ankam, während das ganze Dorf bei einer Hochzeit in der Kirche war — das Restaurant blieb an jenem Abend geschlossen, und er kochte sich selbst Instantnudeln. Kein Servicefehler, sondern schlicht: Das Dorf lebt zuerst für sich.

Great energy in the forest, and a sense of respect for Mother Nature. The whole path to the forest is breathtaking.

— CAROL MURPI, REISENDE

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Der Weg zu den Rotzedern führt auch durch dichten Bambuswald. © Carol Murpi

Am nächsten Morgen führt der Weg in den Wald zu den Rotzedern — vorbei an Bambushainen, auf schmalen Pfaden, die sich zwischen den Stämmen hindurchschlängeln. Wer möchte, nimmt sonntags am Gottesdienst teil, der auf Atayal gehalten wird und auch für Gäste offensteht. Seit 2021 gilt zudem eine bewusste Grenze: maximal 50 Fahrzeuge pro Tag für Tagesgäste, Übernachtungsgäste ausgenommen — damit der Wald bleibt, was er ist.

Die Menschen von Smangus

Die Bewohner sind Atayal, eines von 16 offiziell anerkannten indigenen Völkern Taiwans. Ursprünglich animistisch geprägt, sind sie seit der Missionierung im 20. Jahrhundert mehrheitlich christlich — ein Hintergrund, der auch die Gütergemeinschaft der Kooperative mitprägt. Die traditionellen Gesichtstätowierungen der Atayal sind heute so gut wie ausgestorben; lebendig geblieben ist dagegen die Webkunst, die Gäste im Dorf noch miterleben können. Auch die Jagd gehört weiterhin zum Alltag — betrieben im Einklang mit dem Wald, nicht zu dessen Ausbeutung.

Die Kinder ziehen oft in andere Landesteile zum Studieren, kommen aber häufig wieder zurück — weil sie die Gemeinschaft schätzen und das Potenzial dieses Ortes erkennen.

Für wen ist das

„Smangus is for nature lovers and people who want to have a great experience in nature with aboriginal culture," fasst die Besucherin zusammen — „families, couples and groups of friends." Die Anreise braucht etwas Geduld — die letzten Kilometer über die schmale Bergstraße sind langsam und kurvenreich. Doch sie lohnt sich für alle, die Taiwans Natur einmal fast unberührt erleben wollen.

„It's worth it," sagt sie zum Schluss, „maybe go by car since it's a very long ride."

Smangus ist ein Ort für Menschen, die die Lebendigkeit uralter Bäume zu schätzen wissen. Für alle, die ein indigenes Volk kennenlernen wollen, das so lange abgeschieden gelebt hat. Für alle, die daran glauben, dass man gemeinsam stark ist und etwas Besonderes aufbauen kann. Genau das macht Smangus aus. Und genau dafür kommt man.

Praktische Infos

Beste Reisezeit

Ganzjährig möglich. Februar/März: Kirschblüte, besonders gefragt und teurer.

Anreise

Ca. 3–4 Std. ab Hsinchu über kurvenreiche Bergstraßen. Letzte 16 km einspurig, nur zu festen Zeitfenstern befahrbar. Kein öffentlicher Bus.

Kosten

Ca. NT$1'500–6'000 (US$45–190) pro Nacht (Doppelzimmer), je nach Kategorie und Saison. Frühstück inklusive, weitere Mahlzeiten separat.

Buchung

Ausschließlich telefonisch über 03-5847687 / 03-5847688, oder smangus.org. Für Wochenenden 2–3 Monate Vorlauf empfohlen.

Notiz der Kuratorin

Ich habe Smangus noch nicht selbst besucht, aber diese Genossenschaft lässt mich seit Wochen nicht los. Ein Dorf, das beschloss, sich nicht um Gäste zu streiten, sondern alles gemeinsam zu tragen — das würde in Europa so nicht funktionieren. Am meisten berührt mich, dass die Jugend zurückkommt, obwohl sie in der Stadt studiert hat, weil sie erkennt, welches Potenzial in diesem Ort steckt. Ich würde liebend gern selbst einmal vor einem dieser jahrtausendealten Bäume stehen — und mehr über die Traditionen der Atayal lernen, die es sicher noch zu entdecken gibt.

— Die Kuratorin
Alle Bilder stammen von Carol Murpi, die Smangus selbst besucht hat.