Guthiddai_CreditGuthiddai_View_Agritourismo
Wander Wonders · Ausgabe 02 · Sardinien · Kapitel I

Wo das Essen
nach Heimat schmeckt

Agriturismo Guthiddai — ein Familienhaus am Fuß des Supramonte, seit vier Generationen in Familienbesitz.

Der Abend fällt langsam über Oliena. Die Lichterketten im Garten gehen an, eine nach der anderen. Im Garten sitzen Menschen aus verschiedenen Ländern — und trotzdem fühlt sich das Ganze nicht wie ein Restaurant an. Auf dem Tisch: eine dunkle Flasche Olivenöl, eigene Produktion, mit dem Label „Guthiddai". Kein Kellner bringt sie. Gianluca stellt sie hin.

Guthiddai_CreditGuthiddai_Table_Evening

Abend im Garten von Guthiddai — Mond über dem Monte Corrasi, Kerzenlicht, Oleander. — © Agriturismo Guthiddai

Kein Hotel. Ein Familienhaus.

Das Agriturismo Guthiddai liegt am Fuß des Supramonte — genau dort, wo Barbagia aufhört, geografische Beschreibung zu sein, und anfängt, Lebensweise zu bedeuten. Seit den 1950er Jahren bewirtschaftet die Familie Floris dieses Land: Weinberge, Olivenhaine, Gemüsegärten, Viehzucht. Irgendwann entschieden sie, die Türen zu öffnen. Aber nicht, um ein Hotel zu werden.

Gianluca und Antonella Floris führen den Hof, der seit vier Generationen in Familienbesitz ist. Die Eltern helfen noch mit. Die Großmutter ist im Gemüsegarten anzutreffen. Man schläft nicht einfach dort. Man ist für ein paar Tage Teil dieser Familie.

„Guthiddai ist nicht für den Tourismus entstanden. Es ist ein Familienhaus, das seit vier Generationen diese Erde lebt. Was die Gäste am meisten berührt, ist das Einfachste: dass sie spüren, wie alles zusammenhängt — das Olivenöl auf dem Tisch, der Wein im Glas, das Gemüse auf dem Teller. Das ist nicht Konzept. Das ist unser Leben."

— Antonella Floris, Agriturismo Guthiddai

Rezepte, die niemand aufgeschrieben hat

Jeden Abend ist das Menü anders — einfach weil es davon abhängt, was der Garten hergibt, und der gibt vieles her. Fiori di zucca im Frühsommer. Fave mit Milch und Minze. Tomaten, die noch warm von der Sonne sind, wenn sie auf den Teller kommen.

Guthiddai_CreditGuthiddai_Ravioli Guthiddai_CreditGuthiddai_vineyards (4)

Ravioli mit Pecorino aus eigener Produktion · Die Weinberge von Guthiddai — hier entsteht der Cannonau „Mannoi". — © Agriturismo Guthiddai

Die Culurgiones — die typischen gefüllten Teigtaschen Sardiniens — werden per Hand geformt, mit Kartoffeln, Minze und Pecorino aus dem eigenen Betrieb. Der Cannonau — Sardiniens bekannteste Rotweinrebe — wächst hier im eigenen Weinberg und wird als „Mannoi" abgefüllt, benannt nach dem Großvater der Familie. Das Olivenöl auf dem Tisch trägt das Guthiddai-Label. Man schmeckt, mit wieviel Herzblut diese Produkte entstanden sind — und etwas von der langen Geschichte dahinter.

Ein Leben, das man nicht erklären muss

Ogliastra und die Barbagia gehören zu den fünf Langlebigkeitsregionen weltweit — den sogenannten Blue Zones. Sardinien hat die höchste Dichte an Hundertjährigen pro Einwohner in Europa. Die Forschung sucht die Gründe: viel Bewegung im Freien, enge Familienbande, ein Leben im Rhythmus der Natur.

„Die Blue Zone ist nicht nur eine Frage der Ernährung. Es ist ein Lebensstil: Arbeit an der frischen Luft, starke Familienbande, der Respekt für den Rhythmus der Natur. Das spüren unsere Gäste, ohne dass wir es ihnen erklären müssen."

— Antonella Floris, Agriturismo Guthiddai

Bei Guthiddai erlebt man das Sardinien, wie es schon immer gelebt hat — im Einklang mit der Natur. Das spürt man.

Praktische Infos — Agriturismo Guthiddai

Adresse

Località Guthiddai
08025 Oliena (NU)
Sardinien, Italien

Website

agriturismoguthiddai.it

Zimmer & Preise

Zimmer mit Privatbad
Preise auf Anfrage
Abendmenü ca. 40 €/Person*

Buchung

Direkt oder via Booking.com
Bewertung 8,8 / 10

Aktivitäten

Hirtenwanderung (Sos Pinnettus)
Kochkurse
Cannonau-Weinverkostung

Anreise

Flughafen Cagliari (CAG) ca. 1,5 Std.
Flughafen Olbia (OLB) ca. 1,5 Std.
Mietwagen notwendig

Beste Reisezeit

April–Juni
September–Oktober

* Preise bitte direkt beim Agriturismo bestätigen.

Notiz der Kuratorin

Agriturismo Guthiddai ist kein Hotel. Das ist genau der Unterschied.

Man schläft nicht einfach dort. Man ist für ein paar Tage ein Teil dieser Familie — isst, was der Garten gerade hergibt, trinkt den Wein, den die Großeltern gepflanzt haben, sitzt abends im Garten unter Lichterketten, während der Monte Corrasi im Mondlicht auftaucht.

Das ist das Gegenteil von dem, was uns Sardinien meistens zeigt. Kein türkisblaues Wasser. Keine Luxusjacht. Stattdessen: der Duft von frischem Basilikum, alte Rezepte, die über Generationen weitergegeben wurden. Und das leise Gefühl, dass man hier etwas trifft, das die meisten Touristen nie sehen.

Das ist, warum diese Region eine Blue Zone ist. Wegen einer Art zu leben.

— Claudia, Kuratorin
Alle Bilder: © Agriturismo Guthiddai, die diese Aufnahmen vom Anwesen zur Verfügung gestellt haben.
Cedrino_Credit_NicoleRaukamp_PecoraNera_View
Wander Wonders · Ausgabe 02 · Sardinien · Kapitel II

Allein auf
dem Fluss

Kajak auf dem Cedrino — Sardinien vom Wasser aus, zwischen Kalksteinwänden und einem Fluss, der aus einer Quelle entspringt, die noch niemand vollständig erkundet hat.

Die anderen legen an, um das Kirchlein San Leonardo zu besteigen. Nicole Raukamp bleibt im Kajak sitzen. Greift noch einmal zum Paddel und fährt allein weiter — flussaufwärts, Richtung Su Gologone.

„Es war, als wäre nur ich auf der Welt. Und als würden all die Schieflagen auf diesem Planeten für einen kleinen Moment nicht existieren. Dieser Frieden und diese Freiheit sind nur schwer woanders zu finden."

— Nicole Raukamp, pecora-nera.eu

Ein Fluss, den noch niemand ganz kennt

Der Lago del Cedrino liegt ca. 20 km von Guthiddai entfernt — ein Stausee, aus dem der Fluss Cedrino entsteht, der sich durch den Supramonte schlängelt bis zur Quelle Su Gologone. Jener Karstquelle, die noch nie vollständig erkundet wurde und in der sardischen Überlieferung als unversiegbar gilt.

Wer ein Kajak mietet, paddelt auf einem der ursprünglichsten Wasserwege Sardiniens: an Kalksteinwänden vorbei, durch das Dunkelgrün des Supramonte, an Stellen, die völlig unberührt sind.

„Die vielen dichten Grüntöne, das Wasser fast fluoreszierend, die Wände in Dunkelgrün auf grauem Stein — das hatte eine unfassbar beruhigende Wirkung. Die Natur zwischen den Bergwänden ist einfach sagenhaft schön."

— Nicole Raukamp, pecora-nera.eu

Cedrino_Credit_NicoleRaukamp_PecoraNera_sittinginthekayak

Blick aus dem Kajak — das Wasser des Cedrino, die Felsen des Supramonte. — © Nicole Raukamp / pecora-nera.eu

Sonne, Wasser, Stille

An schönen Tagen fährt man die gesamte Zeit in voller Sonne. Wasser mitnehmen — mindestens zwei Liter. Sonnenschutz und Hut sind keine Empfehlung, sondern Pflicht. Im Supramonte kann das Wetter schnell umschlagen.

Von hier aus ist auch die Gola del Gorroppu erreichbar — eine der tiefsten Schluchten Europas, mit bis zu 500 Meter senkrechten Wänden. Nur zu Fuß zugänglich, kein Bus möglich.

Praktische Infos — Kajak Cedrino

Startpunkt

Lago del Cedrino
ca. 20 km von Guthiddai / Oliena

Dauer

Halbtag bis Ganztag
je nach Strecke

Schwierigkeit

Einfach — keine Vorkenntnisse notwendig

Mitnehmen

2+ Liter Wasser · Sonnenschutz
Hut · leichte Regenjacke

Kombination

Ca. 30 Min. Fahrt von Guthiddai
Ideal als Halbtagsausflug

Notiz der Kuratorin

Der Cedrino berührt auf besondere Art — durch seine Stille und die mächtigen Steinwände, die einen von beiden Seiten umschließen.

Wenn ich Nicoles Beschreibung lese — diesen Moment allein auf dem Fluss, die anderen am Ufer, das Paddel in der Hand und nichts außer Wasser und Fels — dann verstehe ich, warum man nach Sardinien nicht ans Meer fahren muss.

Das Inland hat seine eigene Art, einen zu fassen.

— Claudia, Kuratorin
Alle Bilder: © Nicole Raukamp / pecora-nera.eu, die den Cedrino persönlich befahren hat.
Transumanza_Credit_NicoleRaukamp_PecoraNera_Sheeps_Hirten
Wander Wonders · Ausgabe 02 · Sardinien · Kapitel III

Mit den Schafen
durch Sardinien

Die Tràmuda — ein Tag mit echten Hirten auf einer der ältesten Routen Europas. UNESCO Immaterielles Kulturerbe. Noch gelebte Praxis.

Ein Pfiff. Nichts weiter.

Ein kurzer, hoher Ton — und die Schafe, die sich gerade in eine Seitenstraße von Arzana verloren hatten, drehen um. Ohne Diskussion. Ohne zweiten Pfiff. Als wüssten sie seit Generationen, was dieser Laut bedeutet.

Der Hirte zuckt mit den Schultern. Das habe ich ihnen nicht beigebracht. Das wissen sie einfach.

Eine Praxis, die fast verschwunden ist

Tràmuda ist das sardische Wort für Transhumanz: die saisonale Wanderung von Tier und Mensch zwischen Sommer- und Winterweiden. Eine Praxis, die die UNESCO 2019 als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt hat. In Ogliastra ist sie noch lebendig — nicht als Veranstaltung, sondern weil die Hirten hier immer noch so wirtschaften, wie ihre Vorfahren es taten.

Jean-Luc, Gründer von Sardinia Fair Travel, hat über Jahre das Vertrauen dieser Hirten aufgebaut. Die Hirten machen die Tràmuda sonst unter sich. Dass sie Fremde mitnehmen, zeugt von Vertrauen und Offenheit.

„Er hat wirklich einen guten Draht zu den Leuten vor Ort und kennt sie schon seit Jahren. Die wenigen Schäfer, die die Transhumanz noch machen, machen sie üblicherweise allein. Nicht mit Touristen. Dass sie es mit Jean-Luc tun, sagt alles."

— Nicole Raukamp, pecora-nera.eu

Der Moment, in dem man aufhört zu denken

Man läuft hinter den Schafen her — durch das Dorf, durch die Macchia, durch Wälder, deren Schatten sich langsam über den Weg schieben. Unterwegs zeigen die Hirten, was sie können: Käse herstellen, Schafe scheren, das Wetter an den Wolken lesen. Die Esel tragen das Gepäck.

Transumanza_Credit_NicoleRaukamp_PecoraNera_Forest

Die Herde in der Staubwolke — Nicoles magischster Moment. — © Nicole Raukamp / pecora-nera.eu

„Als wir mit den Schafen durch den Wald gingen, wirbelten sie den trockenen Staub des Waldweges auf. Die Herde lief in einer Staubwolke voran. Das war wunderschön und auch ein bisschen surreal — Schafe im Wald passen in meinem Kopf nicht zusammen."

— Nicole Raukamp, pecora-nera.eu

Und irgendwo auf diesem Weg passiert etwas, das man nicht erwartet hatte. Man hört auf zu denken.

„Das Schöne daran ist gerade, dass einem dabei nicht so rasend viel durch den Kopf geht. Ich war eher in einer Art Relaxmodus. Man genießt einfach, zu laufen."

— Nicole Raukamp, pecora-nera.eu

Transumanza_Credit_NicoleRaukamp_PecoraNera_lunch

Das Mittagessen bei den Sos Pinnettus — einfach, richtig, gut. — © Nicole Raukamp / pecora-nera.eu

Am Ziel wartet das Mittagessen in der Azienda Agricola Sa Ferrela — dem Hof des Hirten, wo die Schafe überwintern. Ein festes Haus, Ställe nebenan.

„Wir haben gegessen im Kreise der Familie und der befreundeten Hirten, alle Nachbarn waren eingeladen — es gab Pane Carasau, Antipasti, lang über der Glut gegrilltes Schaf und natürlich Wein. So wie Sardinien wirklich ist: gemeinschaftlich und gastfreundlich."

— Nicole Raukamp, pecora-nera.eu

Hinweis: Arzana liegt ca. 75 km von Oliena entfernt — rund eine Stunde Fahrt. Die Kombination mit Guthiddai ist machbar: Guthiddai als Basis, die Tràmuda als großer Tagesausflug. Mietwagen ist notwendig.

Praktische Infos — Tràmuda

Anbieter

Sardinia Fair Travel
(Sardaigne en Liberté)
sardaignenliberte.com

Preis

60 € / Person
35 € / Kind (unter 10 J.)

Dauer & Saison

Ganztag
Frühling und Herbst
(keine Sommer-Tour)

Startort

Arzana, Ogliastra
ca. 75 km / 1 Std. von Guthiddai

Buchung

Direkt oder via Viator
Stornierung bis 24h vorher kostenlos

Sprachen

Englisch · Französisch
Deutsch · Italienisch

Notiz der Kuratorin

Die Tràmuda zeigt Sardinien von einer ganz anderen Seite — nicht das türkisblaue Wasser, nicht den Luxushafen. Das Inland. Die Kultur. Das Leben mit den Menschen auf ganz einfache Weise.

Es ist schon etwas Lustiges, Schafen hinterherzulaufen durch die Natur Sardiniens. Aber es ist eigentlich noch viel mehr. Man sieht, wie die Hirten arbeiten, wie sie mit den Schafen leben — was Nachhaltigkeit wirklich bedeutet. Im Einklang mit der Natur zu sein, daraus Essen zu machen.

Am Ende sitzt man wohlverdient zusammen, ein Glas Wein in der Hand, einfaches, richtiges Essen vor sich. Ich finde es wunderbar, dass die Hirten hier aus ihrem Leben etwas für andere aufgebaut haben. Nicht luxuriös. Aber so, wie Sardinien wirklich ist.

— Claudia, Kuratorin
Alle Bilder: © Nicole Raukamp / pecora-nera.eu, die die Tràmuda persönlich begleitet hat.