Unter dem
großen Baum
Salz aus einem zweitausend Jahre alten Brunnen, Schinken aus der Bergluft, Kräuter vom Hang: In Nuodeng lebt man, wie man immer gelebt hat.
Angefangen hat alles mit einem Gewitter und zwei französischen Reisenden. Heute riecht es in diesem Hof nach Kräutersud, im Dorf nach gereiftem Schinken, und wer hier übernachtet, wohnt in einem Haus, das seit dreihundert Jahren derselben Familie gehört. Nuodeng ist ein Dorf im Kreis Yunlong, an einen Hang gebaut. Die Menschen kommen wegen der lebenden Tradition — wegen der Einwohner, die geblieben sind, der Häuser, die man erhalten hat, und der Verbindung einer Gastgeberin zu diesem Haus und zu diesem Boden.
Autos kommen bis zum Dorfeingang, weiter nicht. Was in anderen Dörfern eine Straße wäre, ist hier ein Stück der alten Salz-Pferde-Straße, und die Steintreppen winden sich zwischen gelben Lehmwänden den Berg hinauf.
Die Wegweiser führen zum alten Schornstein und zum Salzkessel — © Simon Sonng
Was das ist
Nuodeng existiert wegen des Salzes. Die Solequelle, nach der das Dorf benannt ist, wurde in der Han-Zeit gegraben und ist über zweitausend Jahre alt. Der Name des Dorfes taucht erstmals 863 in einer Chronik auf und hat sich seither nicht geändert. Das Salz machte ein Bergdorf reich: In der Kangxi-Zeit stammten über achtzig Prozent des gesamten Steueraufkommens der Präfektur Dali aus Yunlong. Karawanen aus Tibet und Birma brachten Jade und Heilkräuter und nahmen Salz und Tee mit.
Reichtum bedeutete Bildung. Die Salzhändler steckten einen Teil ihrer Gewinne in Schulen und bauten Tempel — über zwanzig standen auf engstem Raum. Im Yuhuang-Pavillon ganz oben, dem Jadekaiser geweiht, dreistöckig und vollständig aus Holz, stehen Konfuziustempel, Maitreya-Halle und Guandi-Tempel beieinander; an der Decke ein Gemälde der achtundzwanzig Mondstationen, der alten chinesischen Sternkarte.
Die Kassettendecke im Yuhuang-Pavillon zeigt die achtundzwanzig Mondstationen — © Simon Sonng
Bekannt wurde das Dorf 2013, als die Dokumentarserie A Bite of China den Nuodeng-Schinken zeigte. Er verdankt sein Aroma dem Salz aus dieser Quelle.
Was man dort erlebt
Es ist ein Dorf mit viel Tradition. Kaum Läden, keine Attraktionen. Die Sitten sind einfach und aufrichtig, aber niemand bemüht sich bewusst darum, Touristen zu gefallen — man zeigt einfach, was da ist. Es ist still. Was man hört, ist das Klingeln von Maultieren und Pferden, Vogelgezwitscher, Bergwind, abends die Stimmen der Dorfbewohner.
Was man riecht, erzählt in einem Atemzug die ganze Geschichte des Ortes.
In der Luft mischen sich Erde, Feuerholz und gesalzener Schinken, und gelegentlich weht der schwache Geruch der Sole aus den alten Salzbrunnen herüber.
— SIMON SONNG, REISELEITER
Am alten Brunnen wird bis heute Salz von Hand gewonnen: Sole schöpfen, durch feines Leinen filtern, stundenlang im Gusseisenkessel kochen, bis nur noch Kristalle übrig sind.
Alles, was man im Alltag braucht, wird die Treppen hinaufgetragen — © Simon Sonng
Bis hinauf zum Yuhuang-Pavillon auf dem Gipfel muss man sich einige Mühe geben. Auf dem Weg begegnet man Bewohnern, die weiter oben wohnen — einer trägt in seinem Rückenkorb einen Sack Reis von fünfzig Kilogramm. Alles, was man im Alltag braucht, wird so ins Haus am Berg getragen.
Gegessen wird in den Gasthäusern oben am Berg: Schinken gebraten, Schinken mit Saisongemüse, Wildpilze, Buchweizenküchlein, Ersi-Reisnudeln. Am längsten bleibt der luftgetrocknete Schinken in Erinnerung — über Jahre gereift, mit einem deutlich gealterten Geschmacksprofil. Man schmeckt darin die Berglandschaft und das Salz.
Es ist keine gebaute Kulisse. Die Bai leben weiterhin hier. Alte sitzen an der Tür und arbeiten. Die Dorfbewohner treiben ihr Vieh aus und trocknen Würste. Es gibt keine Bar-Straße, keine angesagten Läden; die Gasthäuser und Restaurants sind im Wesentlichen Bauernhäuser.
Blick durch ein Hoftor — © Simon Sonng · Beschriftete Holztafeln über einem Kräuterladen — © Daqingshu Inn
Die Menschen hinter dem Daqingshu Inn
In der Dorfmitte steht ein Banyanbaum, über fünfhundert Jahre alt. Direkt daneben ein steinernes Tor. Es war einmal der Eingang des Salzsteueramtes; als die Behörde fortzog, übernahm die Familie Huang einen Teil des Geländes und baute das Amtstor zu einer Tafel um, auf der die Namen jener Familienmitglieder verzeichnet sind, die die kaiserlichen Staatsprüfungen bestanden.
Einer von ihnen ist Huang Gui, den man den konfuzianischen Meistergelehrten Zentralyunnans nannte; in der Familie erzählt man, er habe die Laufbahn am Hof ausgeschlagen, um im Dorf zu bleiben und zu unterrichten. Sein Hof steht dreihundert Jahre später noch. Die Familie, die ihn heute führt, ist die zwanzigste Generation der Huang.
Der Eingang zum Daqingshu Inn — © Daqingshu Inn
Dass in diesem Hof einmal Gäste übernachten würden, war eigentlich ein Zufall. 1998 hielt ein Gewitter zwei französische Reisende fest, die mit Handzeichen um Hilfe baten. Die Mutter des Hauses hatte noch nie Ausländer gesehen und fürchtete sich. Der Vater sagte: „Wenn man unterwegs ist, hilft man, wenn man kann.“ Er baute aus Bänken, Brettern, Strohmatten und einer großen Blumendecke zwei Betten, damit die beiden nicht im Regen übernachten mussten. Beim Abschied ließen sie einen Dollar zurück.
Fünfzehn Jahre später klingelte das Telefon. Ob man eine Nacht bleiben könne, fragte ein Reisender, auch zehn Yuan wären in Ordnung. Huang Liangyu, die alle Ayu nennen, warnte ihn: Bei uns ist es einfach, es gibt vielleicht Raupen und Flöhe. Hauptsache ein Bett, sagte er. Spät in der Nacht trug der Vater den schweren Koffer den Berg hinauf. Am nächsten Morgen erklärte der Gast: „Ab morgen esse ich mit euch. Was ihr esst, esse ich auch.“ So entstand, auf ausdrücklichen Wunsch eines Gastes, das erste Haus in Nuodeng, das Essen und Übernachtung anbot. Benannt ist es nach dem Baum, unter dem alles begann: Daqingshu, großer grüner Baum.
Der dreihundert Jahre alte Innenhof — © Daqingshu Inn
Als Ayu nach dem Studium zurückkam, wollte sie den alten Hof umbauen. Die Mutter lehnte ab.
Zerstören ist leicht, wiederherstellen schwer. Die Gäste kommen nach Nuodeng, um genau diese alten Dinge zu sehen. Abreißen dauert nur drei Tage. Aber will man es wiederherstellen — es kommt nie mehr zurück.
— AYUS MUTTER
Das Schwerste ist nie, ein altes Haus zu finden und es auf alt zu trimmen, sondern zwischen Bewahren und Verändern jene Balance zu finden, die so schwer zu halten ist.
— AYU, GASTGEBERIN
Die Familie fand einen anderen Weg: einen zweiten, neuen Hof, in den aller moderne Komfort kam, an Stellen, die das Fundament des alten Hauses nicht berühren. Einen Architekten konnten sie sich nicht leisten, also tasteten sie sich selbst voran, Schritt für Schritt. „Wer hier wohnt, kann dreihundert Jahre Zeit anfassen und muss trotzdem nicht Enge und Kälte eines alten Hauses ertragen“, sagt Ayu.
Im neuen Hof: moderner Komfort unter alten Balken. Im alten Hof blieb alles, wie es war — © Daqingshu Inn
Sie hat lange gebraucht, um zu verstehen, dass das Haus nicht das Geschäft ist, sondern die Aufgabe: „Ich betreibe nicht Zimmer für Zimmer, ich pflege die Wurzeln meiner eigenen Familie, hüte das Leben eines alten Hauses.“ Und was sie ihren Gästen erzähle, sei keine Anleitung, die man im Netz finden könne.
Es gibt in diesem Hof eine Sache, die man nirgends buchen kann und die trotzdem der Kern des Ganzen ist. Der Vater sammelt die wilden Kräuter selbst im Berg, über zwanzig an der Zahl. Der Großvater, dreiundneunzig Jahre alt, besteht seit einem Leben lang darauf, sie über Feuerholz zu kochen. Gebadet wird in einem Bottich aus zwanzig Jahre altem Albizia-Holz, erst dämpfen, dann baden.
Der Vater sammelt die wilden Kräuter selbst im Berg. Gebadet wird in Bottichen aus Albizia-Holz — © Daqingshu Inn
Der Kräuterduft dringt bis in die Knochen; im Moment danach spürt man deutlich, wie man Kraft zurückgewinnt.
— AYU, GASTGEBERIN
Es sind diese Dinge, sagt Ayu, die dem alten Haus eine Seele geben.
Lange habe sie sich nicht getraut, mit Gästen zu sprechen, „aus Angst, ich sei nur ein Mädchen vom Land. Später wurde mir klar: Ich verstehe Nuodeng am besten. Also erzähle ich ihnen eben Nuodeng.“
Das Team des Daqingshu Inn — © Daqingshu Inn
Für wen ist das
Für alle, die China als Alltag erleben wollen statt als Kulisse. Das alte Gebäude solle kein auf einen Sockel gestelltes Ausstellungsstück sein, sagt Ayu, sondern ein Raum, den man wirklich anfassen und in dem man beruhigt wohnen kann. Genau so ist es auch: Die Zimmer im neuen Hof sind komfortabel, der Weg dorthin führt trotzdem über Steintreppen. Wer gern zu Fuß geht und sich Zeit nimmt, ist hier richtig. Zwei Nächte sind das Minimum, drei besser.
Dalangba
Eine Hochweide auf 2.500 Metern, im Naturschutzgebiet Yunlong Tianchi.
Eine Hochweide auf 2.500 Metern, umstanden von hohen Kiefern. Rinder, Schafe und Pferde weiden frei, Bäche ziehen sich durch das Gras, kleine Höfe liegen wie Perlen darin verstreut. Im Sommer ist der Waldboden voller Pilze, und nachts steht die Milchstraße so klar über einem, dass es unwirklich wirkt — es gibt hier oben kein einziges Licht, das dagegenhielte.
Dalangba gehört zum Naturschutzgebiet Yunlong Tianchi. In den Wäldern ringsum lebt die südlichste Population des Yunnan-Stumpfnasenaffen, einer der seltensten Primatenarten der Welt. Bis 2007 wusste niemand, dass es sie hier überhaupt noch gibt.
Der Weg hinauf ist etwas herausfordernd. Man fährt zuerst zum Taiji-Aussichtspunkt, wo der Bi-Fluss zwei Schleifen zieht, die dem Yin-Yang-Zeichen entsprechen. Die meisten Besucher kehren dort um. Wer weiterfährt, hat noch ein paar Kilometer Bergstraße vor sich, dann ein Wachhäuschen am Tianchi, wo man sich registriert, dann sechs Kilometer Serpentinen. Nach der letzten Kurve öffnet sich der Blick.
Nach der letzten Kurve öffnet sich der Blick auf die Weide — © Jiang Xing
Oben angekommen
Oben wirkt es wie eine andere Welt. Satte Weiden, fruchtbares Land. Auf den Höfen wachsen Papayabäume und Walnussbäume, im Wald die Pilze. Komfortabel ist hier nichts, geschlafen wird im Zelt — für diese Stille und diesen Ausblick ist es das allemal wert.
Hier lernt man das landwirtschaftliche China kennen. Die Anwohner betreiben kleine Bauernhof-Gasthäuser; wer bei ihnen isst, darf den Platz gratis nutzen und übernachten, wer nur den Platz will, zahlt eine kleine Gebühr. Zelten auf eigene Faust geht nicht mehr: Wer sein Zelt am Fluss aufbauen will, bekommt Besuch von einem Mann auf einem Motorrad, dem Waldhüter des Schutzgebiets. Kein Feuer, kein Zelt, keine Übernachtung auf der offenen Wiese — nachts könnten Bären unterwegs sein.
Manche dieser Höfe gehören den Waldhütern selbst. Sie sind es auch, die den Stumpfnasenaffen am nächsten kommen: Zuletzt haben sie eine Gruppe von über zwanzig Tieren beobachtet. Wer ihnen begegnet, hat großes Glück gehabt.
Gekocht wird, was da ist. Ein Huhn, frisch gefangen, geschmort mit nichts als ein paar Scheiben hausgemachtem Schinken — kein weiteres Gewürz. Die Brühe wird davon besonders frisch und süß. Dazu eine Portion Steinpilze, die der Gastgeber gerade dahat. Vielleicht schmeckt es gerade deshalb so gut, weil alles so frisch ist.
Die Höfe am Rand der Weide, davor die Bohnenfelder. Gezeltet wird heute nur noch auf privatem Grund — © Jiang Xing
Es ist Pilzsaison. In den Kiefernwäldern wachsen Grünköpfe, Pfifferlinge, Steinpilze, mit Glück Matsutake. Die Nadelschicht am Boden ist dick und weich; hebt man sie an, kommt die Überraschung. Am besten geht man zweimal in den Wald, abends und am nächsten Morgen. Im Gespräch mit dem Gastgeber stellt sich heraus: Die Pilze in Dalangba unterscheiden sich von denen anderswo in Dali — gleiche Namen, anderes Aussehen, anderer Geschmack.
Die weite Weide von Dalangba — © Jiang Xing
Nachts
Auf 2.500 Metern, ohne Lichtverschmutzung, steht die Milchstraße quer über einem. Man denkt an das Taiji-Bild vom Nachmittag und an die achtundzwanzig Mondstationen an der Decke des Yuhuang-Pavillons unten im Dorf. Von der Sternkarte am Himmel zur Landschaft am Boden — als würde da etwas leise miteinander antworten.
Garantiert ist es nicht. Manchmal zieht Regen auf und die Wolken lösen sich die ganze Nacht nicht auf, dann sieht man ein paar vereinzelte Sterne. Am Morgen liegt schwerer Tau, die Luft ist sehr frisch.
Morgens liegt schwerer Tau, die Luft ist frisch — © Jiang Xing
Praktische Infos
Anreise
Bus ab Dali (Xiaguan) zur Kreisstadt Yunlong, rund drei Stunden Serpentinen, von dort sechs bis sieben Kilometer bergauf. Die öffentliche Anbindung ist schlecht — ein Fahrer ab Dali ist die praktikabelste Lösung.
Im Dorf
Ab dem Dorfeingang geht es nur zu Fuß weiter. Festes Schuhwerk. Das Dorf liegt ab 1.900 Metern, der Yuhuang-Pavillon über 2.100. Nachts kühl.
Übernachten
Daqingshu Inn大青树客栈 — der Hof der Familie Huang unter dem großen Baum. Alter Hof und neuer Hof; im neuen der moderne Komfort. Direktbuchung telefonisch unter +86 152 8811 3286, alternativ über Trip.com oder Booking.com.
Dalangba
Eigener Tag, andere Richtung als Nuodeng. Registrierung am Wachhäuschen. Kaum Handyempfang, wenig Verpflegung — Essen mitbringen. Übernachtet wird auf dem Hof einer einheimischen Familie.
Beste Zeit
Nuodeng ganzjährig. Für Tianchi und Dalangba gilt von März bis Juni Waldbrandschutzzeit; dann dürfen nur die Bewohner hinein, Auswärtige kommen bis zu den Birnengärten.
Birnblüte
Im März und April blühen die Birnbäume an den Hängen, im August und September kann man in den Birnengärten pflücken.
Was mich an Nuodeng überrascht hat, ist, dass dort niemand um Touristen kämpft. Ayu hat einen Satz geschrieben, der genau beschreibt, warum ich dieses Magazin mache: dass zu viele Orte ihre einzigartige historische Substanz in eine massenhaft kopierbare Geschäftsvorlage verwandeln — und dass Menschen in Wahrheit nie der standardisierte Service hält, sondern die tief eingewachsene Verbindung eines Gastgebers zu diesem Haus und zu diesem Boden. Was mich am meisten bewegt hat, ist nicht die Geschichte des Hauses, sondern was es diese Familie gekostet hat, es zu halten. Ich war nicht dort. Alles, was hier steht, stammt von Menschen, die es waren.
— Die Kuratorin