Was bleibt, wenn man bleibt
Naksansa, ein 1.353 Jahre alter Klippentempel an Koreas Ostküste — und Oeam, ein Dorf im Landesinneren, das seinen eigenen Rhythmus nie verloren hat
Man kommt über die Küstenstraße von Yangyang, das Meer noch im Rückspiegel, und dann öffnet sich der Blick: ein Tempel auf einer Klippe, Wellen, die gegen den Fels schlagen, eine riesige steinerne Gwaneum-Statue, die aufs Wasser hinausschaut. Die meisten bleiben eine Stunde, machen ein paar Fotos vom berühmten Klippenblick und fahren weiter. Dabei wissen sie gar nicht, was sie verpassen.
Die große Gwaneum-Statue, weithin sichtbares Wahrzeichen von Naksansa. — © Manon Banroques
Was das ist
Naksansa wurde 671 vom Mönch Uisang gegründet und liegt seit über 1.350 Jahren am Fuß des Bergs Obongsan, direkt über dem Ostmeer. Der Tempel wurde mehrfach zerstört — durch die Mongolen im 13. Jahrhundert, im Koreakrieg, zuletzt bei einem verheerenden Waldbrand 2005 — und jedes Mal originalgetreu wiederaufgebaut.
Naksansa zählt zu den meistbesuchten Tempeln Ostkoreas, gerade wegen seiner außergewöhnlichen Lage: Vom Tempel aus überblickt man das offene Meer, ein Panorama, das an Wochenenden entsprechend viele Tagesgäste anzieht. Und doch hat der Ort etwas bewahrt, das andere, ebenso bekannte Tempel längst eingebüßt haben: Wer nur durchläuft, sieht die Klippe und die Statue. Wer übernachtet, erlebt einen anderen Naksansa — einen, der sich erst zeigt, wenn die Tagesgäste längst wieder abgereist sind, und der einen, wie Übernachtungsgäste immer wieder betonen, richtig mitreißt.
"Even though Naksansa is very well-known and visited by many people, it somehow felt as if time had stopped for a moment. Being there, surrounded by the temple and facing the ocean, was incredibly calming."
— Manon Banroques, @manonbnrs
Was man dort erlebt
Wer übernachtet, kann das echte Tempelleben auf eine Art kennenlernen, die sich von außen kaum erschließt. Das Angebot an Meditationsformen ist überraschend vielfältig — von Atem- über Geh- bis zur Wellen-Meditation direkt am Strand, dazu eine Food-Meditation, bei der man vor dem Essen die Augen schließt und sich bewusst macht, woher jede Zutat stammt, vom Reiskorn bis zum fertigen Gericht. Am eindrücklichsten ist der frühe Morgen: Um vier Uhr beginnt die erste Zeremonie des Tages, danach führt ein Weg durch die Natur zur klippenseitigen Hongnyeonam-Einsiedelei — einer kleinen, auf einem Felsvorsprung direkt über dem Meer erbauten Gebetshalle mit einer Öffnung im Boden, durch die man auf die Felsen und Wellen darunter blickt. Der Legende nach hatte hier Mönch Uisang seine Vision der Bodhisattva Gwaneum, bevor er den Haupttempel errichtete. Am Ende des Wegs steht der Sonnenaufgang über dem Ostmeer.
Der Weg durch den Wald, wie ihn Übernachtungsgäste vor Sonnenaufgang gehen. — © Manon Banroques
Die Unterkunft selbst ist bewusst einfach gehalten, ein deutlicher Kontrast zum Hotelkomfort — und trotzdem überrascht sie viele Gäste. Geschlafen wird in komfortablen Zimmern für bis zu sechs Personen, modern eingerichtet und mit eigenem Bad, Männer und Frauen getrennt untergebracht. Die gesamte Anlage wurde nach dem Brand 2005 neu errichtet, entsprechend zeitgemäß sind auch die Sanitäranlagen.
Auch das Essen wird von Gästen besonders hervorgehoben: eine einfache, aber stimmige vegetarische Küche. Eine Besucherin, die drei Tage individuell dort verbrachte, beschreibt es so: "The meals in the temple are just perfect traditional humble food."
Der eigentlich magische Moment aber liegt nicht im Programm, sondern im Ort selbst.
"There was something very special about being in such a famous and popular place while still feeling such a strong sense of peace. […] Naksansa has something very special that is difficult to explain until you experience it yourself."
— Manon Banroques, @manonbnrs
Für wen ist das
Für alle, die bereit sind, sich Zeit zu nehmen — nicht nur den Tempel zu sehen, ein paar Fotos zu machen und weiterzuziehen. Manon formuliert es als klare Empfehlung: "Take your time. Don't go just to see the temple, take a few pictures and leave. Take the time to look around, breathe, and really experience the atmosphere of the place." Wer sich vorstellt, am Strand zu sitzen, den Wellen zu lauschen und eine geführte Meditation mitzumachen, bekommt eine Ahnung davon, was dieses Programm auszeichnet: eine Nähe zu sich selbst, die man so schnell nirgendwo sonst findet — und nebenbei ein echtes Stück südkoreanischer Kultur.
Praktische Infos — Naksansa
Lage
Ganghyeon-myeon, Yangyang-gun, Gangwon-do
Kosten
40.000–80.000 KRW je nach Programm (≈ 28–57 USD, Wechselkurs schwankt)
Buchung
eng.templestay.com oder naksansa@templestay.com
Anreise
Fernbus ab Seoul (Express Bus Terminal) nach Yangyang, dann lokaler Bus zum Tempel
Touren & Aktivitäten
In der Umgebung lohnt sich eine Kombination mit dem Seoraksan-Nationalpark, dessen schroffe Gipfel und Wälder nur eine kurze Fahrt entfernt liegen. Auch der Sonnenaufgang am Uisangdae-Pavillon und die Küstenstadt Sokcho mit ihrem Fischmarkt sind einen Abstecher wert.
Seoraksan-Nationalpark, ein lohnender Abstecher ab Naksansa. — © Manon Banroques
Oeam Folk Village — Ein Königreich, das weiterlebt
Rund 300 Kilometer südwestlich von Seoul, in den Hügeln von Asan, liegt ein ganz anderer Ort, der auf seine eigene Art zeigt, wie tief man in die koreanische Geschichte eintauchen kann: Oeam Folk Village, ein über 500 Jahre altes Dorf aus der Joseon-Zeit (1392–1910), Koreas letztem Königreich vor der Moderne.
Der Weg ins Dorf — Reetdach, Berge, Stille. — © Ashley Whitten
Was das Dorf besonders macht, ist der direkte, sichtbare Kontrast zwischen zwei Gesellschaftsschichten der Joseon-Zeit: Ziegelgedeckte Hanoks des Yangban-Gelehrtenadels stehen hier direkt neben strohgedeckten Häusern der einfachen Landbevölkerung — beide Bauweisen bis heute nebeneinander erhalten, ungewöhnlich für ein Dorf dieser Art. Ein cleveres Wassersystem leitet seit Jahrhunderten Bergwasser ins Dorf, ursprünglich um Brände zu verhindern und gleichzeitig die Wasserversorgung sicherzustellen.
Reetdach und Lotusfeld, geflochtener Zaun — Alltagsbilder aus dem Dorf. — © Ashley Whitten
Anders als ein Museum ist Oeam ein lebendiges Dorf: 38 der 69 Haushalte sind bis heute in der Landwirtschaft tätig, die Nachfahren der Gründerfamilie bewirtschaften ihr Land, wie sie es seit Generationen tun. Wer möchte, kann in Gastfamilien übernachten oder an Kochkursen teilnehmen. Man lernt, wie man Chilipaste selbst ansetzt und zum Mitnehmen einfüllt, gleich danach eine kurze Lektion im Ansetzen von Lotusblütenwein, bevor ein hausgemachtes Mittagessen serviert wird. Zwischendurch, an einem kleinen Stand am Wegrand, probiert man die wohl cremigsten Reiskuchen des Landes — fast wie Erdnussbutter, nur luftiger. Und irgendwo zwischen den Reetdachhäusern, leicht zu übersehen, weil es von außen aussieht wie ein gewöhnliches Wohnhaus, liegt Sinchangdaeg: ein altes Gasthaus, das Cheonggukjang serviert, einen kräftig fermentierten Sojabohnen-Eintopf, umgeben von einem guten Dutzend kleiner Beilagen. Besonders bemerkenswert: Viele Rezepte im Dorf werden seit 15 Generationen oder mehr unverändert weitergegeben — man isst hier im Grunde so, wie einst im Königreich gekocht wurde.
Ein Torblick auf einen der Innenhöfe des Dorfes. — © Ashley Whitten
"The amount of work it takes to just to upkeep the homes is incredible. It was very moving to see the care taken to preserve a very huge piece of Korean history."
— Ashley Whitten, @thewanderingwhittens
Die stille Dorfstraße, wie sie Besucher heute noch erleben. — © Ashley Whitten
Ihr Fazit für alle, die selbst hinwollen: sich vorher ein wenig mit der Joseon-Zeit zu beschäftigen, dann erschließt sich, warum dieses Dorf mehr ist als hübsche alte Häuser. "It feels like stepping back in time."
Reetdach und Tonkrüge (Jangdokdae) — Details, die die Zeit überdauert haben. — © Ashley Whitten
Erreichbar mit dem KTX — Südkoreas Hochgeschwindigkeitszug — oder Fernbus bis Asan und einem kurzen Taxiweg zum Dorf.
Ich war an keinem der beiden Orte. Aber beide Geschichten kreisen im Grunde um dasselbe: um die Kultur Südkoreas und ihre Geschichte — und darum, wie die Menschen dort leben und schon lange gelebt haben.
Naksansa berührt mich durch seinen Widerspruch — ein Ort, an dem täglich Busse ankommen, und der trotzdem, wenn man bleibt, etwas Erhabenes bewahrt: der Wind über der Klippe, das Meer, das die ganze Nacht hörbar bleibt, ein Weg durch die Natur vor Sonnenaufgang. Ich stelle mir vor, am Strand zu sitzen, den Wellen zuzuhören, während jemand behutsam durch eine Meditation führt — und wie schnell einen das wieder näher zu sich selbst bringt.
Oeam bildet einen starken Kontrast zum Tempel — nicht das Gegenteil, sondern ein ganz anderer Blick auf Südkorea. Auch hier geht es um Kultur und Geschichte, aber um einen völlig anderen Weg, wie Menschen leben und gelebt haben: kein Programm, keine Inszenierung, nur ein Dorf mit echter Arbeit und Rezepten, die seit fünfzehn Generationen weitergegeben werden. Beide Orte verlangen dasselbe von einem: langsamer zu werden, als man es gewohnt ist — und genau das nehme ich aus beiden Geschichten mit.
— Claudia