Jyrgalan
Zwischen Weidepferden, Pulverschnee und einem Dorf, das nicht aufgab
Wo alles begann
Manchmal beginnt eine gute Geschichte mit einem Ende. Als die Kohle unter Jyrgalan nichts mehr wert war, hätte hier eigentlich nichts mehr wachsen sollen. Dass es heute anders aussieht, ist keine Selbstverständlichkeit — sondern das Ergebnis von zwei Menschen, die sich vor einem sterbenden Dorf nicht weggedreht haben, sondern etwas Besonderes für Besucher aufgebaut haben.
Emil und Gulmira heißen sie. Was aus ihrem Mut geworden ist, lässt sich heute am besten dort erleben, wo alles beginnt: im Tal selbst.
Das Dorf Jyrgalan im Tal — © unpardenomadas
Viel Mut, ein bisschen Wahnsinn
Es brauchte etwas Mut und, ehrlich gesagt, auch ein bisschen Wahnsinn — und aus beidem ist etwas entstanden, das heute weit über das hinausgeht, was sich Emil und Gulmira damals erträumt hatten.
Bis in die frühen Neunzigerjahre lebte Jyrgalan vom Kohleabbau. Dann brach mit der Sowjetunion die wirtschaftliche Grundlage des Dorfes weg. Es sah so aus, als würde der Ort im äußersten Osten Kirgistans verschwinden — bis 2016 ein junges Ehepaar sich dazu entschied, von der Großstadt zurück in dieses abgelegene Tal am Fuß des Tian Shan zu ziehen und dort das erste Gästehaus zu eröffnen.
"We knew that this area was very special in terms of the nature and what it could offer people in terms of outdoor activities. This gave us confidence that if we could provide a good service people would be interested in visiting the area and then recommend it to others."
— GULMIRA, ALAKOL-JYRGALAN GUESTHOUSE
Doch das eigentlich Besondere kommt erst jetzt: Emil und Gulmira haben nicht nur etwas für sich selbst aufgebaut. Sie haben das ganze Dorf mit ins Boot geholt. Gemeinsam mit fünf weiteren Familien gründeten sie eine Organisation, die den Tourismus im Tal koordinieren sollte — nach und nach schlossen sich immer mehr an, bis aus der ersten Idee eine echte Gemeinschaft wurde. Jede Familie, jedes Gästehaus, jeder Guide arbeitet seither auf dasselbe Ziel hin: den Besuchern ein außergewöhnliches Erlebnis zu schaffen. Gemeinsam schafft man, was einer allein nie geschafft hätte. Heute tragen rund neun Gästehäuser dieses Netzwerk mit.
Was man dort erlebt
Am Morgen steht ein Kalb vor der Tür, neugierig, ungestört. Draußen grasen Pferde und Kühe ohne Zäune, wie seit Generationen. "We love the nature and feel closer to it, when we wild camp away from the villages", erzählen die Menschen hinter @lessismorememories — sie wollten den Sonnenuntergang sehen und eine stille Nacht unter Sternen, weit weg von Straßenlaternen und bellenden Hunden.
Ein Tag in Jyrgalan folgt einem einfachen Rhythmus: Frühstück gegen acht, dann hinaus — zu Fuß, mit Pferd oder Mountainbike, im Winter mit den Skiern. Oscar und Tatiana erinnern sich an ihren Morgen bei einer Gastfamilie: "Our host would serve us Kyrgyz bread with fresh cheese, eggs, tomato and cucumber salad, and dried fruit for breakfast." Ein Lunchpaket kommt mit, gegessen irgendwo in den Bergen, während ringsum Pferde und Schafe grasen, von Hirten begleitet. Am Nachmittag geht es zurück in den Garten, um sieben gibt es Abendessen, danach wird es gesellig: Karten, manchmal eine Gitarre, im Winter die traditionelle Sauna.
Was Gäste am meisten überrascht, ist laut Gulmira nicht die Landschaft, sondern der Komfort mitten in dieser Abgeschiedenheit: "Some assume that everything will be quite basic and maybe a little unprofessional. They are surprised when they see comfortable ensuite rooms and get served tasty three-course meals with lots of fresh fruit and vegetables." Auf über 2.400 Metern wird tatsächlich hervorragend gekocht, mit reichlich lokalen Spezialitäten.
Wer weiter hinaus will, findet ein reiches Angebot an Mehrtagestouren — zu den Boz-Uchuk-Zwillingsseen, über den Kok-Bel-Pass oder auf dem neuntägigen Ak-Suu Traverse, komplett organisiert buchbar. @lessismorememories beschreiben den Weg zu einem der Seen: durch blühende Frühlingswiesen, vorbei an weidenden Pferden, bis hinter einer Kuppe plötzlich der See auftaucht, atemberaubend in seiner Stille — Kühe am Ufer, und auf dem Rückweg eine Jurte, deren Bewohnerin sich als Besitzerin der Tiere entpuppt.
Unterwegs begegnet man oft Kindern zu Pferd. "First they don't dare to get close, but as we wave them closer, their shy faces start to smile", erzählen @lessismorememories. Ein paar englische Worte, Namen, ein Blick auf die Weltkarte im Auto — die Welt ist größer als das eigene Tal, und manchmal reicht das schon.
Wie abgeschieden das Tal ist, merkten auch Oscar und Tatiana, die drei Wochen durchs Land reisten: Für die Weiterfahrt mussten sie trampen — genau das mache den Ort so besonders, wenige Touristen, ein eng verbundenes Dorf. Über die Menschen im Land sagen sie: "They are reserved people who might seem serious at first glance, but they have big hearts and a remarkably fun sense of humor. On top of that, they are incredibly generous and always ready to share their food with you, no matter how much or how little they have." Ihr magischer Moment: Kinder in den Bergen, die mit ihren Pferden herumtollten — "pure magic".
Im Winter verwandelt sich das Tal in ein Ziel für Tourenski — und genau hier wird es, ehrlich gesagt, richtig aufregend. Das Mikroklima um den nahen Issyk-Kul-See sorgt für ungewöhnlich viel, bodenlos-pulvrigen Schnee, der Backcountry-Fahrer aus aller Welt anlockt. Wer mehrtägig unterwegs ist, übernachtet oft nicht im Dorf, sondern in einem der beheizten Jurtencamps im Ak-Suu- oder Boz-Uchuk-Tal — nur zu Fuß, mit Ski oder per Motorschlitten erreichbar. Mitten im Nirgendwo steht dann eine Jurte mit russischer Banja, einer traditionellen Sauna: nach der letzten Abfahrt ein Snack, eine heiße Dusche oder eben die Banja, danach gemeinsames Dinner, während draußen der Schnee alles unter sich begräbt.
Ein Tal im Wandel
Jyrgalan hat sich seither vergleichsweise langsam verändert — bis jetzt: Nur wenige Kilometer entfernt entsteht ein neues Skigebiet, das diesen Winter erstmals öffnet, samt Straßenausbau. Von den bestehenden Wegen ist es weder sichtbar noch beeinflusst es sie — Gulmira sieht darin eine Ergänzung: neue Möglichkeiten für alle, die keine Skitour gehen, aber trotzdem in die Berge wollen.
"Skiing down untouched snow to our backcountry yurt deep in the mountains to enjoy the sauna, dinner, and then if the sky is clear have views of all the stars and milky way with nobody else around."
— GULMIRA, ALAKOL-JYRGALAN GUESTHOUSE
Nach einem magischen Moment gefragt, fällt Gulmira die Antwort nicht leicht — kürzlich sammelte ein Gast mit einer Lichtfalle in einer Nacht 29 Mottenarten. Abfahrt, Banja, Sternenhimmel, keine Menschenseele weit und breit — das trägt den ganzen Charakter des Tals in sich.
Für wen ist das
Gulmira und die lokalen Guides helfen gerne bei der Planung — ein Guide setzt sich schon mal abends mit den Gästen zusammen, um die Route gemeinsam auf der Karte zu besprechen. Wer kaum Erreichbarkeit in traumhafter Kulisse sucht, ist hier genau richtig. Man lässt sich auf den Rhythmus des Tals ein — und auf die Menschen, die hier leben. "It is for people that love the outdoors and want to do activities in pristine nature", fasst Gulmira es selbst zusammen. Oscar und Tatiana formulieren es aus Gästesicht ganz ähnlich: Jyrgalan sei für alle, die "genuinely experience the authentic essence of Kyrgyzstan, without seeking luxury or fancy amenities."
Praktische Infos
Anreise
Ab Karakol per Sammeltaxi oder privatem Transfer, rund 45–60 Minuten über eine teils unbefestigte Straße (derzeit im Ausbau).
Kosten
Gästehäuser ab ca. 15–25 USD pro Nacht im Doppelzimmer mit Frühstück, Vollpension gegen Aufpreis.
Beste Reisezeit
Juni bis September für Wanderungen und Ausritte, Dezember bis März für Skitouren.
Buchung
Direkt über das Alakol-Jyrgalan Guesthouse, zentrale Anlaufstelle des Dorfnetzwerks.
Touren & Aktivitäten
Mehrtägige Wanderungen zu den Boz-Uchuk-Zwillingsseen, über den Kok-Bel-Pass oder auf dem neuntägigen Ak-Suu Traverse. Wer nur wenige Tage hat, dem empfehlen Oscar und Tatiana vor allem die Wanderung zum Kok-Bel-Wasserfall und zum Turnaluu-Kol-See — "though in reality, Jyrgalan is more about the experience than the specific places you visit." Pferdetrekking durch die Seitentäler mit lokalen Hirten. Im Winter Tourenski auf pulvrigem, ergiebigem Schnee, mit Übernachtung in beheizten Jurten-Camps samt Banja, auf Wunsch mit Motorschlitten- oder Pistenbully-Transfer für größere Gruppen.
Wanderung zum Kok-Bel-Wasserfall — © lessismorememories
Bis vor wenigen Wochen war Kirgistan für mich kaum mehr als ein Name auf der Landkarte. Je näher ich mich mit dem Land beschäftigt habe, desto schneller habe ich gemerkt: Es sind vor allem die Menschen, die einen bleiben lassen — jene, die hier mit ganzem Herzen versuchen, Reisenden etwas Besonderes zu ermöglichen.
Ich war nicht in Jyrgalan. Das schreibe ich bewusst so offen, wie ich es immer tue. Aber je länger ich für diesen Artikel recherchiert habe, desto mehr habe ich mich in dieses Tal verliebt — in die Geschichte von zwei Menschen, die ein sterbendes Dorf nicht aufgegeben haben, und in die Bilder, die mir @lessismorememories beschrieben haben, die dort wild campierten: ein Kalb vor der Tür, Kinder zu Pferd, die zögernd näherkommen, eine Sauna mitten im Nirgendwo. Am meisten berührt hat mich, wie ehrlich Gulmira über das spricht, was sich verändert — auch über ein neues Skigebiet in der Nähe, das man leicht hätte verschweigen können. Ich hoffe sehr, dass aus dieser wachsenden Bekanntheit kein Massentourismus wird. Aber dass das Potenzial dieses Tals endlich gesehen wird, dass Menschen wie Emil und Gulmira dafür Anerkennung finden — das ist einfach nur schön.
— Die Kuratorin