Wo das Nichts
am Ende ALLES ist
Hof Zuort, Val Sinestra — Unterengadin
Man stapft los. Schritt für Schritt, und überall wohin man sieht: verschneite Berge. Immer tiefer geht es ins Tal hinein — bei jedem Schritt knirscht der Schnee, und je weiter man vordringt, desto weiter entfernt man sich von jeglicher Zivilisation. Man lässt sich von der Atmosphäre einfangen, saugt die Bergwelt rund um sich auf und geniesst jeden einzelnen Schritt.
Nach einer Stunde sieht man ein altes Gebäude. Es sieht aus wie ein Bauernhof. Man freut sich, es zu betreten — hinein in die Wärme. Und kaum betritt man das Haus, spürt man gleich: Dieser Ort ist etwas ganz Besonderes. Die Räume sehen aus wie aus dem letzten Jahrhundert, und trotzdem erstrahlen sie in modernem Glanz. Man riecht das Holz, das schon Jahrhunderte lang genau so hier war — bei jedem Schritt knarzt es unter einem, als wollte es Geschichten von all den Wintern erzählen, die es schon erlebt hat.
Was ist Zuort?
Zuort ist kein Dorf und auch kein Hotel im klassischen Sinn, sondern ein einzelner historischer Weiler am Ende des Val Sinestra im Unterengadin, eine Stunde zu Fuss oberhalb von Vnà — erreichbar nur über einen Wanderweg durch den Wald, vorbei an zwei Hängebrücken über die Brancla. Ein Gasthaus, ein Stall, ein Chalet mit Carillon-Kapelle, umgeben von nichts als Wald, Wiesen und Bergen. Kein Strassenzugang, kein Ort, den man zufällig durchfährt — man muss ihn wollen.
„Man erwartet es nicht. Viele meinen, es ist ein altes Bauernhaus — was es tatsächlich auch war, bevor dieser holländische Dirigent alles verschönern hat lassen. Viele sind auf einer Wanderung und meinen, es sei eine Hütte. Und dann findet man diese historisch sehr gut erhaltenen Räume, in denen man Gänsehaut bekommt, weil das Haus so viel zu erzählen hat.“
— Sarah Scarperi, Gastgeberin Hof Zuort
Sarah und Reinhard, die Gastgeber des Hof Zuort — © Stephan Trösch
Ohne genau zu wissen, warum, merkt man: Dieses Haus ist ein Kraftort. Dieser Ort ist mit keinem Hotel vergleichbar, weil er seine eigene Geschichte geschrieben hat — eine Geschichte, die vor über hundert Jahren begann, als ein holländischer Dirigent sich in dieses Tal verliebte und aus einem einfachen Bauernhof ein Gebäude mit eigener Kapelle machte, deren Glocken bis heute übers Tal hinausläuten.
Eines der historischen Gästezimmer im Hof Zuort — © Lydia Lydekat
Das kleine Saunahaus auf dem Gelände — © Lydia Lydekat
Die Gaststube mit historischen Bleiglasfenstern, handgeschnitzten Stühlen und Jagdtrophäen — genau diese Mischung aus Vergangenheit und Wärme meint Sarah, wenn sie von den „Räumen mit Gänsehaut“ spricht. — © Patrik Gerber
Ein Duft nach Zuhause
Es duftet bereits fein nach einer Süssspeise — was ist das bloss? Kaiserschmarrn. Das ist zwar kein Schweizer Gericht, aber da die Betreiber, Sarah und Reinhard, Südtiroler sind, lassen sie ihre Küche in die Engadiner miteinfliessen. Viele Einheimische kommen nur wegen der Knödel hoch, und einige Feriengäste behaupten, dass es auf diesem Hof die allerbesten Capuns gibt. Die Gäste schwärmen auf jeden Fall vom frischen, guten Essen.
Sarah bestätigt das aus eigener Erfahrung: „Die Gäste sind überrascht von den schönen und historischen Innenräumen, vom wahnsinnig guten Essen und von unserer herzlichen Gastfreundschaft.“ Seit der Übernahme 2024 wurde die Küche komplett umgebaut — vorher war es eine reine Haushaltsküche —, ein Spülraum eingerichtet und ein Zimmer in einen neuen Aufenthaltsraum verwandelt. Die Gäste blieben im ersten Jahr meist nur eine Nacht; inzwischen liegt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer bei drei Nächten.
Eines der herzhaften Hausgerichte im Hof Zuort — © Stephan Trösch
In der neu gebauten Küche wird jeder Teller von Hand angerichtet — © Hof Zuort
Tiefer und tiefer in die Stille
Am nächsten Morgen geht es mit den Tourenski oder Schneeschuhen los. Man wandert, vergisst die Zeit und läuft tiefer und tiefer in die verschneite Winterlandschaft — umgeben von weissen Bergen, pulvrigem Schnee und der Stille. Man sieht keine anderen Menschen, am ehesten Tiere. Auf der rechten Talseite, im Wald, lassen sich sogar die sogenannten Erdpyramiden erspähen — bizarre Erosionstürme, die im Laufe der letzten Eiszeit entstanden sind und dem Tal einen fast urzeitlichen Charakter geben.
Der Schneeschuhpfad durch den verschneiten Wald — © Hof Zuort
Und irgendwann, mit etwas Glück, trifft man auf den einzigen ganzjährigen Nachbarn des Hofs. „Das Highlight ist immer ein kurzer Stopp bei Chasper in Griosch“, sagt Sarah. „Eine Art Alm-Öhi, der ganzjährig als Einziger unser Nachbar ist und immer tolle Geschichten auf Lager hat.“
Eine der beiden Hängebrücken über die Brancla, verschneit — © Hof Zuort
Nach der Abfahrt mit den Tourenski oder der Wanderung mit den Schneeschuhen kann man sich in der kleinen Sauna entspannen oder noch eine Lektüre im Aufenthaltsraum geniessen — während draussen der Schnee jedes Geräusch der Zivilisation schluckt.
Reinhard bei der Arbeit rund um den Hof — © Hof Zuort
Was am Ende bleibt
Was am Abend bleibt, wenn man vor die Tür in die Kälte tritt, lässt sich laut Sarah kaum in Worte fassen: „Die Nächte sind unbeschreiblich: die Ruhe, die Stille, der Sternenhimmel, die Milchstrasse, die klare Luft. Es ist einer der dunkelsten Orte der Schweiz — wir haben keinerlei Lichtverschmutzung, keine Lampen aussen. Wirklich magisch.“
Einfach ist das nicht. „Unsere grösste Herausforderung ist es, unser Herzblut und unsere Leidenschaft für das, was wir hier machen, beizubehalten und trotzdem etwas dabei zu verdienen — und dies, ohne uns kaputt zu machen“, sagt Sarah offen. „Unsere Arbeitstage sind unendlich, und wir können uns nicht mehr Mitarbeiter leisten.“ Genau diese Ehrlichkeit ist es, die den Hof Zuort so glaubwürdig macht: Hier sind zwei Menschen am Werk, die ihr Herzblut in einen Ort stecken, den man nur zu Fuss erreicht — und der einen, wenn man ankommt, nicht mehr loslässt.
„Besuchen Sie uns. Wo das NICHTS am Ende ALLES ist.“
— Sarah Scarperi
Praktische Infos
Adresse
Hof Zuort, CH-7554 Sent GR
Telefon
+41 81 866 31 53
Website
Buchung
Direkt telefonisch oder über die Website; Anreise nur zu Fuss durchs Val Sinestra oder mit Abholung ab Vnà.
Es begeistert mich, wie viel Herzblut und Leidenschaft in diesen Ort gesteckt wird — der Ort lebt von seiner Geschichte und von der Begeisterung, die in dieses alte Bauernhaus gesteckt wird. Es ist ein Ort, wo sich die Winterlandschaft in den Alpen auf einmalige Art und Weise erleben lässt. Ganz tief im verschneiten Tal, wo sonst nichts mehr ist. Genau das begeistert mich, wo aus Nichts ganz viel wird. Wo man die umgebende Natur noch ganz ursprünglich erleben kann und auch die Schweizer Kultur. In diesem alten Bauernhaus erfährt man am eigenen Leib, wie einfach früher Menschen in den Bergregionen gelebt haben.
Bei den Wanderungen merkt man die Mächtigkeit dieser Berge.
Genau das sind die Dinge, die ich erleben möchte — und warum ich diesen Ort unbedingt mal besuchen möchte.
— Claudia