Ein Land, das ich bis vor drei Wochen kaum kannte
Bis vor drei Wochen war dieses Land für mich kaum mehr als ein Name auf der Landkarte. Irgendwo in Südamerika. Vielleicht irgendwas mit einem Weltraumbahnhof — wobei der eigentlich im Nachbarland liegt, wie ich inzwischen weiss.
Was ich nicht wusste: dass dort eine der kulturell reichsten Städte der Welt liegt. Dass man nirgendwo sonst so schnell im ursprünglichen, menschenleeren Dschungel ist — echter Urwald, nicht der aufgeräumte Nationalpark-Dschungel, den man aus Europa kennt. Und dass man eine Stunde fliegen kann und an einem Ort landet, der so weit von allem entfernt ist, dass man den Regenwald in seiner ursprünglichsten Form erlebt. Kabalebo.
Suriname hat mich überrascht. Ich glaube, es wird dich auch überraschen.
Suriname · Südamerika
Die Stadt, die Kunterbunt Geschichte schrieb
Kaum jemand kennt Paramaribo. Dabei ist sie eine der vielfältigsten, überraschendsten Städte der Welt.
© Tom Gobee
Lustiger Fakt vorab: Stell dir vor, du schlenderst an einem Sonntagmorgen in Paramaribo an einem Park vorbei. Du bist verwundert, dass darin lauter Männer sitzen — multikulturell, verschiedene Generationen. Jeder mit einem kleinen Holzkäfig, darin ein Singvogel. Was machen die bloss damit?
Die Männer stellen ihre Käfige auf Holzpfähle. Ein Schiedsrichter notiert auf einer Kreidetafel wie viele Melodien jeder Vogel in fünfzehn Minuten singt. Welcher hat den schönsten Klang? Gewonnen und verloren wird in stiller Kollegialität. Kein Jubel. Keine Enttäuschung.
Das ist eine wichtige Tradition für die Männer in Paramaribo und sagt viel über sie aus. Sie sind ein multikulturelles Volk, das gut miteinander auskommt und sehr traditionsbewusst ist. Man merkt sofort: Gemeinschaft hat einen hohen Stellenwert bei ihnen.
Paramaribo liegt am gleichnamigen Suriname-Fluss, im Nordosten Südamerikas, eingeklemmt zwischen Guyana und Französisch-Guayana. Das historische Stadtzentrum — 291 erhaltene Gebäude aus dem 17. und 18. Jahrhundert — ist seit 2002 UNESCO-Weltkulturerbe. Die Architektur ist ein Hybrid: niederländischer Kolonialstil, gebaut aus tropischem Holz, weil man sich eben in den Tropen befindet.
Man schlendert durch die Strassen, bunte Kolonialvillen links und rechts — und dann, plötzlich, eine völlig andere Architektur. Eine Moschee. Oder eine Synagoge. Dieser Mix ist etwas ganz Besonderes anzuschauen: auf demselben Häuserblock stehen Gebäude, die aus völlig verschiedenen Welten stammen, und wirken trotzdem zusammen, als wäre es immer so gewesen.
Am Anfang waren die indigenen Völker. Dann kamen die Niederländer — und mit ihnen die Zuckerrohrplantagen. Um diese zu betreiben, verschifften sie afrikanische Sklaven nach Suriname. Sklavenarbeit, jahrzehntelang, bis zur Abschaffung 1863. Danach fehlten Arbeitskräfte auf den Plantagen. Also holten die Niederländer Vertragsarbeiter — aus Britisch-Indien, aus Java. Mit den Indern kam der Hinduismus. Mit den Javanern der Islam.
Die Afrikaner aber entschieden sich anders. Viele flohen in den Regenwald. Dort bauten sie eigene Gemeinschaften auf, pflegten ihre westafrikanischen Traditionen — und tun das bis heute. Man nennt sie Maroons. Eine der faszinierendsten Geschichten dieser Region — und eine der am wenigsten erzählten.
Fünf Religionen. Mindestens sechs Sprachen auf der Strasse. Und das alles in einer Stadt mit 250 000 Einwohnern. Sicher nicht immer konfliktfrei — aber ein Nebeneinander, das funktioniert. Das spürt man.
Was mich am meisten überrascht hat, war die Gastfreundschaft der Menschen. Jeder teilt mit dir — auch wenn er selbst nicht genug hat. Es fühlt sich noch sehr gemeinschaftlich an, und das ist etwas Besonderes, wenn man aus Europa kommt.
— Tom, der dort war
Die Märkte
Weil so viele Kulturen zusammenleben, gibt es Märkte — und auf diesen Märkten gibt es wirklich alles. Die Central Market am Waterkant ist der grösste überdachte Markt der Karibik: Obst, Fisch, Fleisch, Gewürze, Kleidung, Haushalt. Direkt daneben der Djoeka Wojo, der Maroon-Markt, wo Frauen Heilkräuter aus dem Regenwald, rituelle Gegenstände und Tränke verkaufen — zwischen Apotheke und sakralem Raum. Hier kann man gar nicht aufhören zu schauen, da es an jeder Ecke etwas Neues, Skurriles zu entdecken gibt.
Wer tiefer eintauchen will, fährt nach Blauwgrond, das javanische Quartier.
Dort haben Menschen aus ihren Gärten Restaurants gemacht. Man sitzt buchstäblich im Garten des Besitzers und isst. Die Mischung der Kulturen und des Essens ist dort am stärksten spürbar.
— Tom, der dort war
Warungs heissen diese kleinen Familienbetriebe. Gado Gado, Lontong Goele, Saoto-Suppe — javanische Küche, die seit über hundert Jahren in diesem Tropenklima gewachsen ist. Ein Essen für zwei: rund 25 Dollar.
Marktleben in Paramaribo — multikulturell, lebendig, echt. © Tom Gobee
Der Sonntagmorgen — Vögel, Märkte, vier Jahrhunderte
Wer einen Sonntag in Paramaribo erlebt, sollte früh aufstehen. Um halb acht beginnt die Sonntagsmarkt-Tour am Unabhängigkeitsplatz — mit den Zangvogelwettkämpfen. Danach: chinesischer Markt, javanischer Markt, Orchideenmarkt. In fünf Stunden läuft man durch vier Jahrhunderte Einwanderungsgeschichte, mit Frühstück dazwischen.
Die Zangvogelwettkämpfe sind dabei das Seltsamste und Schönste zugleich. Ein gut trainierter Singvogel kann 8 000 Dollar wert sein, Ausnahmevögel wurden für 20 000 gehandelt. Die Männer trainieren ihre Tiere mit Tonbändern, gewöhnen sie an Stadtlärm, nehmen sie wöchentlich zu Wettkämpfen mit — seit den 1950er Jahren, in einer Liga mit 17 Clubs allein in der Region. Woher die Tradition stammt, weiss niemand genau. Manche sagen: chinesische Einwanderer. Andere: der Dschungel. Beides klingt nach Paramaribo.
Brownsberg — zwei Stunden und eine andere Welt
Es ist erstaunlich, wie schnell man von Paramaribo im menschenleeren Dschungel ist. Rund zwei Stunden südlich der Stadt — die letzte halbe Stunde auf einer nicht asphaltierten Strasse durch den Wald — liegt der Brownsberg Nationalpark. 12 000 Hektar Regenwald auf einem Plateau, 500 Meter über dem Meer. Keine grossen Touristenbusse. Kein Trubel. Beschilderte Wanderwege, aber man nimmt sich trotzdem einen Guide — das ist kein Spaziergang, das ist echter Dschungel.
Alle acht Affenarten Surinames leben hier. Brüllaffen, Kapuziner, Spinnenäffchen. Dazu Wasserfälle, Jaguarspuren, die Magie hoher Bäume.
Das war das Beste in ganz Suriname. Mit einem Guide durch echten Regenwald zu laufen — das empfehle ich jedem. Aber man braucht unbedingt einen Guide.
— Tom, der dort war
Abfahrt kurz vor sieben morgens, Rückkehr gegen Abend. Ein langer Tag — und nach allem was Tom erzählt, der richtige.
Wasserfall im Brownsberg Nationalpark — zwei Stunden von Paramaribo entfernt. © Tom Gobee
Die Magie des Dschungels: uralte Bäume im Brownsberg Nationalpark. © Tom Gobee
Ich war nicht in Paramaribo.
Ich habe recherchiert, gelesen, Toms Antworten mehrfach gelesen — und mich gefragt, warum ich noch nie von dieser Stadt gehört habe. Die Stadt hat nur wenig Präsenz online, es wird wenig über sie geschrieben. Aber die Geschichte und was daraus entstand mit den vielen Kulturen — das macht mich wahnsinnig neugierig. Und auch der unberührte Dschungel, der so gut erreichbar ist von Paramaribo, macht das gewisse Kribbeln in mir, dass ich mich sofort auf den Weg machen will.
Vielleicht ist das der Grund, warum sie noch so ist wie sie ist.
Suriname · Regenwald · Eco-Lodge
Wo die Stille lebendig wird
Das Kabalebo Nature Resort liegt tief im Regenwald Surinames — erreichbar nur per Kleinflugzeug. Wer dort landet, landet in einer anderen Welt.
Das Flugzeug setzt auf, und dann ist es still. Kein Straßenlärm, kein Hafen, kein Weg der hierher führt. Man landet auf einer Graslandepiste mitten im Regenwald Surinames — und wer in diesem Moment aus dem Fenster schaut, versteht sofort: Das hier ist anders.
Eine Stunde lang ist man zuvor über einen endlosen, tiefgrünen Regenwald geflogen. Kein Dorf, keine Straße, keine Lichtung. Nur Baumkronen, so weit das Auge reicht. Und dann, aus dem Nichts, eine schmale Piste neben einem Fluss. Das Flugzeug rollt über Gras und rote Erde, und vor einem taucht eine kleine Lodge im Dschungel auf. Willkommen in Kabalebo.
Was das ist
Die Landepiste selbst hat Geschichte. Sie entstand im Rahmen der Operation Grasshopper — einem surinamischen Regierungsprojekt, das ab 1959 sieben Pisten tief ins Inland des Landes trieb, mit dem Ziel, das Innere des Landes systematisch nach Bodenschätzen zu durchsuchen. Jahrzehnte später, 1986, landete ein Mann namens Karel Dawson hier zum ersten Mal — zum Angeln. Die Piste war längst wieder zugewachsen. Er und seine Begleiter schlugen sie mit Macheten frei, um wieder starten zu können. Dieser erste Eindruck ließ ihn nicht los.
Aus dem Angelausflug wurde ein Resort. Das Kabalebo Nature Resort liegt im Südwesten Surinames, rund 240 Kilometer von Paramaribo entfernt — ohne Straßenanbindung, ohne Mobilfunknetz, ohne Nachbarn. Die nächste menschliche Siedlung ist mehrere Stunden Flussfahrt entfernt. Alle Pakete sind All-inclusive: Inlandsflug, Unterkunft, Mahlzeiten und Standardaktivitäten im Preis enthalten.
Die River Cabanas direkt am Kabalebo-Fluss. © Sebastian Schreiner
Was man dort erlebt
Wer eine der Flusshütten bucht, wacht auf und schaut direkt auf den Kabalebo. Tapire ziehen am frühen Morgen am Ufer vorbei. Aras fliegen lautstark über die Baumkronen. Brüllaffen in den Wipfeln, Kaimane im Fluss. Der Wald wirkt, als hätte er schlicht nie erfahren, dass es Städte gibt.
„Wir hätten niemals mit dieser Artenvielfalt gerechnet. Oftmals saßen wir auf unserer Terrasse und beobachteten die Tiere um uns herum."
— Sebastian Schreiner
Und dann der Morgen.
Kurz vor Sonnenaufgang setzt ein Übergang ein — von den Geräuschen der Nacht zu den Geräuschen des Tages. Wer einmal erlebt hat, wie der Regenwald in dieser Stunde zum Leben erwacht, mit Nebel über den Baumkronen und Vogelstimmen die man noch nie gehört hat, vergisst es nicht mehr.
„Diese Tonaufnahme ist auch heute noch regelmäßig zu hören, wenn ich Ruhe brauche und für einen Moment abschalten möchte. Die Geräusche bringen mich dorthin zurück."
— Sebastian Schreiner
Der Kabalebo — auf Karaibi „Bogen im Fluss". © Sebastian Schreiner
„One of the most magical moments at Kabalebo is waking up in the middle of the untouched rainforest. Hearing the jungle come alive in the early morning — it is a feeling of being completely immersed in nature."
— Kabalebo Nature Resort
Auf dem Fluss fährt man mit geführten Kajak-Touren: Per Korjaal — dem traditionellen Einbaumboot Surinames — geht es flussaufwärts zur Krong Soela, von dort paddelt man im Kajak zurück zur Lodge. Wer Glück hat und still genug ist, entdeckt dabei einen Harpyienadler am Ufer — den größten Greifvogel Südamerikas. Über 740 Vogelarten leben in diesem Gebiet.
Ein ehrlicher Hinweis: Wer auf Tierbeobachtung setzt, sollte auf frühe Morgen- oder Abendtouren bestehen. Mehrere Gäste berichten, dass Ausflüge in der Mittagshitze deutlich weniger ertragreich sind.
Brüllaffe in den Wipfeln des Regenwaldes. © Sebastian Schreiner
Die Menschen dahinter
Karel Dawson und seine Frau Joyce führen das Resort seit den Anfängen. Was Gäste immer wieder beschreiben, ist nicht das Gebäude, nicht die Ausstattung — sondern das Personal. Niemand trägt eine Uniform. Niemand macht den Eindruck, nicht hierher zu gehören. Die Koordinatoren kennen jeden Gast mit Namen, wissen um Ernährungseinschränkungen und Allergien — auswendig. Wer früh morgens auf Tour gehen möchte, sollte das beim Buchen explizit anfragen — die Standardtouren finden oft tagsüber statt. Wiederkehrende Gäste werden wie alte Bekannte begrüßt.
Was das Team antreibt, formulieren sie schlicht: glückliche Gäste am Ende ihres Aufenthalts.
Für wen ist das
Für Naturfotografen, die ihre Kamera an keinem Tag auf dem Zimmer lassen wollen. Das Gebiet gilt als außergewöhnlich artenreich — möglicherweise gibt es hier noch Arten, die bisher nicht vollständig beschrieben sind. Für Vogelbeobachter. Für Abenteurer, die den tiefen, unberührten Dschungel mit allen Sinnen spüren wollen. Für Reisende, die verstehen, dass ein Zimmer mit Hängematte auf der Terrasse mehr sein kann als eine Suite mit Klimaanlage.
Nicht für Reisende, die Fünf-Sterne-Komfort erwarten. Nicht für jene, die Stille als Leere empfinden.
Einer von über 740 Vogelarten im Kabalebo-Gebiet. © Sebastian Schreiner
Praktische Informationen
| Anreise | Flug nach Paramaribo (Johan Adolf Pengel Airport), dann per Inlandsflug ab Zorg en Hoop Stadtflughafen mit Gum Air zum Resort — ca. 1 Stunde. Der Inlandsflug ist im Paket enthalten. |
| Paramaribo | 2–3 Tage vor dem Inlandsflug empfohlen. Die historische Altstadt ist seit 2002 UNESCO-Weltkulturerbe — niederländische Kolonialbauten, Märkte, Hindutempel und Moscheen nebeneinander. Im deutschsprachigen Raum kaum bekannt — dabei gut bereist, mit eigener Tourismus-Infrastruktur. |
| Unterkunft | Flusshütten (River Cabanas) direkt am Kabalebo empfohlen — mehr Privatsphäre, unmittelbarer Kontakt zur Natur. Zimmer im Hauptgebäude sind einfacher. |
| Beste Reisezeit | Trockenzeit: Februar–April und August–November. Mehr Tiere sichtbar, Wasserstände für Kajak optimal. |
| WiFi | Kostenpflichtig (ca. USD 37), nur im Hauptgebäude und in begrenzten Zeitfenstern. In den Flusshütten kein Empfang. Das ist kein Mangel. |
| Buchung |
kabalebo.com oder über surinamische Reiseveranstalter wie Gum Air Suriname. Jetzt buchen → |
Touren & Aktivitäten
Kajak-Touren auf dem Kabalebo-Fluss (geführt). Geführte Dschungelwanderungen. Piranha- und Riesenwelsangeln. Kaimane-Beobachtung bei Nacht. Bootsfahrten zu den Moi-Moi-Wasserfällen und den Revelation Falls. Aufstieg auf den Misty Mountain mit Panoramablick über den Regenwald.
Kuratorinnen-Notiz
Stell dir vor: Eine Stunde fliegst du von Paramaribo über den Dschungel. Nichts als Bäume, so weit das Auge reicht — von oben wie kleine Brokkoliröschen. Und dann setzt das Flugzeug auf einer Landepiste mitten im Dschungel auf. Weit und breit keine Zivilisation, keine Menschen. Nur du und der Dschungel.
Das ist Kabalebo.
Es ist kein Luxusresort. Es hat Klimaanlagen, einen Pool — aber darum geht es nicht. Das Besondere ist die absolute Abgeschiedenheit. Keine Straßen, keine Siedlungen, nichts. Und genau deshalb haben die Tiere dort keine Scheu vor Menschen entwickelt. Sie kennen den Menschen schlicht kaum. Tapire, Aras, Affen — beobachtet vom Balkon aus, ohne Fernglas, ohne Wartezeit.
Sebastian hat mir erzählt: Die Sonne geht auf, noch schwebt Nebel über den Baumkronen — und plötzlich erwacht der Dschungel zum Leben. Vögel, Brüllaffen, Geräusche die man nicht benennen kann. Er hat diesen Moment aufgenommen. Eine Stunde lang. Und hört sich die Aufnahme bis heute an, wenn er Ruhe braucht.
Ich kann ihn verstehen.
Man muss sich eins fühlen wollen mit der Tierwelt. Bereit sein, den Bildschirm wegzulegen — und sich stattdessen wie in einem Naturfilm zu fühlen. Mitten drin, nicht davor.
— Claudia